100 Frankfurter Köpfe
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100 Fragen - viele Antworten
Peter Seidel - Frankfurter Köpfe

Peter Seidel

Peter Seidel, Fotograf



Ursprünglich eigentlich ein Hesse aus Marburg, wurde er bereits früh nach Frankfurt zugezogen. Vorübergehend stark auswanderungsgefährdet läßt er sich bis heute vom großen Stadtmagneten anziehen.

Seine Bilder hessischer Industriedenkmäler im Deutschen Architekturmuseum (1987), der verborgenen Orte der Unterwelten im historischen Klärwerk (1993), der Hochhäuser und Türme, Oben, im Designforum der Messe (1999) und der jüdischen Ritualbäder, Museum Judengasse (2011) sind noch in vielen Frankfurter Köpfen präsent. 
www.peterseidel.de

Ihr erster Eindruck von Frankfurt damals?

Absolut positiv. Aus dem Mouson-Turm floß das Geld für unsere Seife. Es gab überall Parkplätze, für Autos, die wir nicht hatten. Es gab noch richtig etwas zu gucken, nicht so wie heute, wo man die Stadt vor lauter Hochhäusern nicht mehr sieht. Um die Ecke ein Pferdemetzger, dessen Lieferanten wir verschonten. Nebenan wohnten Menschen in einem Haus, das nicht mehr stand. Phantom des Opas. Die höchste Erhebung seines Trümmerfeldes war die nächtliche Glühbirne als Navi zur heimatlichen Kellertreppe. Vor der Haustür entgingen wir knapp einem Kinderschänder. 1961 wurden die Fenster meiner Straße von einer Bombe aus dem stadtmittigen Schlaf gerissen. Der Schulweg führte über die Schuttberge von dem, was später die Friedberger Landstraße werden sollte, vorbei am Gefängnisbau, der „Hammelsgasse“, mitten durch eins der Rotlicht-Viertel. Morgens wurden die Reste der Gäste zum Lüften an die Barackenwände gelehnt. In meiner Klasse saßen Mitschüler bewaffnet mit Klappmessern und Gaspistolen. Vor Faßinders späterer Stammkneipe wurde ich von einem boxenden Zuhälter im roten Ledersofa angefahren, der Unschuld auf Rädern. Ich sagte mir: „If you can make it there, you`ll make it anywhere“.

Wie würden Sie Frankfurt heute beschreiben?

Unser Metropölchen ist doch gut aufgestellt. Hier gibt es noch keine Schlägereien zwischen Schwarzfahrern und Weißwäschern. Unsere Fußball-Elf kriegt öfter mal auf die Zwölf. Deswegen darf sie öfter mal in der Niederliga spielen. Menschliche Vereinsamung war gestern. In den bezahlbaren Wohnzimmern der Stadt liegen friedlich Teppiche mit Migrationshintergrund. Im Schatten der Schuldentürme wird Dribb- wie Hibbdebach das ganze Jahr über gefeiert. Malle war gestern. Im Bergermann ist es immer randvoll. Hier nuckeln der gemergelte Gehweg-Jogger, die knappe Mini-Fahrerin und der von der Kette gelassene Kampf-Radler sozialverträglich nebeneinander an ihrer Sauerbrause im Gerippten. Und in keiner anderen Stadt wie in Frankfurt schießen Museen wie Städel aus dem Boden. Das ist uns doch gleich ein paar neue Feste wert. Einer geht noch.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Frankfurt?

Der Hauptbahnhof, die Buchmesse als 5. Jahreszeit, der chinesische und der koreanische Garten, der Römerberg, das alte Klärwerk in Niederrad, die Kaufhof-Dachterrasse, die Paulskirche, die Schwanheimer Dünen, die Museen und Galerien, das Jazzfestival, die Kleinmarkthalle, die Deutsche Nationalbibliothek, ein Stehplatz auf dem Friedberger Markt, der Westend-Campus, der Hauptfriedhof, der hr und die Stadt bei Nacht.

Welches Lokal/Restaurant besuchen Sie am liebsten?

My herd is my castle. Immer? Nein, aber öfter. Dennoch bin ich immer offen für Gutes außer Haus. 



Aus dem Handgelenk heraus gibt es die beste Pizza beim Power-Team vom „Olbia“.

Wo möchten Sie in Frankfurt wohnen?

In meinem halben Frankfurter Jahrhundert habe ich schon einige Stadtteile verlebt. Heute frei nach Hitchcock: Da, wo er sie es abgeht: Mit Fenster zum Hof.

Welche Leistungen Frankfurts bewundern Sie am meisten?

1. Diese unnachahmliche Art und Weise, wie wir von Auswärts Kommende empfangen. Selbst in Köln fährt man von der Autobahn runter fast bis vor den Altar im Dom. In Frankfurt, auf der A 66 aus Nordosten kommend, heißt es an der Ausfahrt: „Stadtmitte“. Von da sind es dann nur noch gefluchte 14 Kilometer bis zum Zentrum. Alle Erlen sollst Du brechen. Und dann die unter Linksabbieger-Phobie leidende Verkehrsplanung. Nirgendwo darf man. Stattdessen wird man immer weiter geradeaus und am Ende der Welt wieder zurückgeschickt. So bringt man coole Stimmung in die Stubb` und Verkehr in die Stadt. Das ist gelebte Gastfreundschaft. Alternativ dröhnt es auf den Schienen in die Ohren derer, die glücklich zur Arbeit pendeln dürfen. „You are now travelling from New Atterberry Station to Roman Mountain. For our nerv-ruckelling Bimmelbahn wie eppollettscheis“ Deeply impressing. 


2. Die Selbstverständlichkeit, mit der der Zentralfrankfurter sich die lukullischen Meilensteine des Umlandes marketingstrategisch einverleibt. Rindswürstchen aus dem Ostend, Grüne Sosse aus Oberrad, Echte Frankfurter Würstchen aus Neu-Isenburg, Hartekuchen, Handkäse, Rippchen aus Sachsenhausen, Äpfelwein aus Nieder-Eschbach, Bethmännchen aus dem Bankenviertel und Bier vom Sachsenhäuser Berg. Ein vollmundiger Frankfurter Kranz fremder Federn.



3. Die schnörkellose weltoffene Service-Orientiertheit. Nicht umsonst ist Frankfurt Deutschlands (un)heimliche Kommunikations-Hauptstadt: Vor 30 Jahren hieß es amtauf geschäftab hinter dem Glaspanzer noch schroff: „Habbe merr nett, kriesche merr auch nett mehr rein!“ Worte, so derbherb wie das Nationalstöffche. Es gibt keinen Zufall.
Zum beiderseitigen Glück haben auch die Frankfurter Front|wo|men dazugelernt. Heutzutage flötet es über jeden Point-of-Sale-Designer-Counter: „Wie gesachd, habbe merr nett, kriesche merr auch nett mehr rein. Alles klar! Ausgang Dritte links. Ciao.“




Welche Frankfurter Persönlichkeit bewundern Sie am meisten?

Die vielen namenlosen Fluglotsen und Piloten, die die Startbahn West bis heute nicht ein einziges Mal mit der Autobahnausfahrt West verwechselt haben und uns dadurch windige Durchsagen erspart haben, wie: „Aufgrund eines lächerlich kleinen technischen Defekts befinden wir uns im Landeanflug auf ein Wohngebiet in Rödelheim. Bitte nehmen Sie die Hand vom Knie Ihres Sitznachbarn und stellen Sie Ihre Haare senkrecht. In Rödelheim haben sie direkten Anschluß zum Nordwest-Krankenhaus. Käpt`n Hoffmann und seine turbulente Crew wünschen Ihnen eine ungewöhnliche Landung und einen angenehmen Nachhauseweg.“




Wo waren Sie noch nie in Frankfurt? Wo möchten Sie unbedingt in Frankfurt einmal hingehen?

Ich würde gern eine Nacht in der Leitzentrale der Feuerwehr verbringen und beim Einsatz mithelfen.




Welchen Frankfurter würden Sie gerne einmal treffen und kennen lernen?

Hannelore Elsner, Ardi Goldmann, Fritz Rau, Marcel Reich-Ranicki, Margarete Mitscherlich, Vater, Mutter und Sohn Goethe, Peter Zingler, Bodo Bach und den Typen, der neulich an der Konsti mein Stiel-Eis geklaut hat.

Ihre Lieblingsbeschäftigung in Frankfurt?

Ankommen und abfahren.