

Dr. Martin Siesel
Ganz offenbar gehöre ich einer Minorität an: in Frankfurt am Main geboren, in Frankfurt am Main gross geworden, in Frankfurt am Main sozialisiert - auch das gibt es! Frankfurt am Main ist, Studium und diverse beruflich veranlasste Abwesenheiten einmal aussenvor gelassen, immer die Schaubühne meines Lebens gewesen...hier haben sich alle Tragödien und Kommödien meiner profanen Existenz ereignet. Einschliesslich des ersten Kusses. Unvergesslich. Jetzt habe ich meine Mitte gefunden und trage als Rechtsanwalt dazu bei, dass die Maschine der Welt rund läuft.
Ihr erster Eindruck von Frankfurt damals?
Die himmelhohe Schrankwand in der elterlichen Wohnung...der abgrundtiefe Sandkasten im "Nizza"...das amerikanische Selbstbedienungsrestaurant an der Hauptwache...die doppelstöckigen Schnellbusse zum Flughafen...was einen Steppke halt so an einer Möchtegern-Weltstadt der 1960er-Jahre beeindruckt.
Wie würden Sie Frankfurt heute beschreiben?
Wo gehobelt wird, da fallen Späne und auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil und es ist nicht alles Gold, was glänzt aber rauhe Schale, güldner Kern. Wird fortgesetzt. Versprochen!
Was ist Ihr Lieblingsplatz in Frankfurt?
Die Frage grenzt an Blasphemie. Der öffentliche Raum in Frankfurt ist doch schon fast wieder so heruntergewirtschaftet und abgewrackt wie zu den historischen Zeiten, als unser "Dynamit-Rudi" die Ruine der Alten Oper sprengen lassen wollte. Wenn die Zeil dereinst wieder etwas "gefaceliftet" sein wird, könnte man durchaus mal wieder dazu übergehen, das schwerverdiente Geld leichtfertig auszugeben und etwas gepflegtes Weltstadt-Shoppen betreiben...
Welches Lokal/Restaurant besuchen Sie am liebsten?
Das beste Eis gibt es auf der Schweizer Strasse.Schleckerli-Fetischisten und Naschkatzen beiderlei Geschlechts wissen, was ich meine, ohne dass ich zu einer Schleichwerbung übergehen müsste. Habe ich 1979 entdeckt und seitem kredenzt mir schon die dritte Generation italienischer Eiskonditoren meine Lieblings-Kombi: Zitrone/Schokolade/Nuss/Mokka. Aber bitte nicht weitersagen oder mir nicht alles wegfuttern!
Wo möchten Sie in Frankfurt wohnen?
Im Kittchen ist ein Zimmer frei.
Welche Leistungen Frankfurts bewundern Sie am meisten?
Weltkultur ist urbane Kultur geworden. Städte sind seit dem Übergang von der Subsistenz zu einer arbeitsteiligen Wirtschaft die Motoren des gesellschaftlichen, technologischen und ökonomischen Fortschritts. Der Beitrag Frankfurts zu dieser Genese einer modernen, demokratisch verfassten, und auf Individualität basierenden Zivilgesellschaft liegt darin, in der Ära des Alten Reichs als reichsunmittelbare Kommune gewissermassen die Vorstufe einer Republik gewesen zu sein.
Welche Frankfurter Persönlichkeit bewundern Sie am meisten?
Den Anonymus, der immer durch die Kneipen tingelt und seine glitzernden Sternzeichenbilchen feilhält. Keiner kauft irgendwas. Mann, muss der eine hohe Frustrationstoleranz aufweisen.
Wo waren Sie noch nie in Frankfurt? Wo möchten Sie unbedingt in Frankfurt einmal hingehen?
Einmal bin ich zur Nachtschlafenszeit von einer Gleisarbeiterbrigade animiert worden, die Junxx auf einem Arbeitseinsatz mit einer Schienenschleifmaschine in der U-Bahn zu begleiten. Ich habe es nicht getan. Jetzt bereue ich die Sünden, die ich nicht begangen habe.
Welchen Frankfurter würden Sie gerne einmal treffen und kennen lernen?
Alle wollen hier Petra Roth treffen. Die ist mir zu überlaufen. Aber wenn Theodor Adorno selig sich zu einer Unterredung mit mir herbeigefunden hätte, bin ich sicher, dass eine Konfrontation mit so einer Persönlichkeit herausragenden Intellekts und Luzidität eine ungeheure Bereicherung dargestellt hätte.
Ihre Lieblingsbeschäftigung in Frankfurt?
Rudern - Städel gehen - Badminton spielen - Fotographieren - Karten spielen. Wer mir begegnet, darf mich ansprechen.






