100 Frankfurter Köpfe
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100 Fragen - viele Antworten
Axel Dielmann - Frankfurter Köpfe

Axel Dielmann

Geboren 1959 in Höchst, aufgewachsen und in die Schule geschickt in Last-Exit-Sossenheim, zum Studium der Physik in Frankfurt geblieben – bis eine Lebensentscheidung anstand: Naturwissenschaften oder Literatur? Allen anderen Versuchungen zum Trotz in Frankfurt am Main eine Literatur-Zeitschrift gegründet, die von den hiesigen Kaffeehäusern aus die anderen größeren Städte der Republik eroberte. Daraus entstand 1993 das Literatur-Programm des axel dielmann – verlag Frankfurt am Main, der zwei liebenswerte Gesellschafter hat – natürlich Frankfurter! 2007 ein weiterer Glücksfall: die Gründung der Frankfurt University Press, wiederum mit zwei großartigen Partnern, so etwas geht in Frankfurt einfach gut. www.dielmann-verlag.de

Ihr erster Eindruck von Frankfurt damals?

Ich bin als Hausgeburt in Höchst zur Welt gekommen – und erinnere mich an diese Herausforderung nicht allzu genau. Meine ersten Erinnerungen an Frankfurt selbst sind Weihnachtsmarktbesuche auf den damals letzten Trümmern, die in der Ruine der Alten Oper eine Art Aufschüttung bildeten, entlang welcher Buden standen, eigenwillige Kulisse einer Kindheit während des beginnenden Frankfurter Wirtschaftswunders. Dann Muhammed Ali im Trainingslager des alten Boxtrainers Pedrescu. Die rhythmischen Pfiffe in der Festhalle bei einem Sechstagerennen, ein Nachmittag im damals noch Waldstadion mit amerikanischen »Hell-Drivern«, die glorios Autos zur Schrott fahren durften. Noch etwas später ruhigere, rumpelige Fahrten mit der Straßenbahn (aufgerubbelte Lederbändel für den bimmelnden Schaffner entlang der Decke, »Sandbremskästen«, Aufspringen während des Anfahrens, herrlich) vom Rödelheimer Bahnhof in die Taunusstraße zu meinen Urgroßeltern, erste staunenswerte Damen an den Straßenecken. Von noch später herrliche Erinnerungen an so schrullige Cafés wie das Wipra oder Först, Flohmarktgänge, Römerberggespräche mit kaum noch vorstellbarer Lust am genauen Denken und gewitzten Streiten, die Finsternisse oben auf der Volkssternwarte und die Erhellungen in den Vorträgen des Physikalischen Vereins, und wieder ganz neue Welten im Städel und seinem Garten – diese Vielfalt von Genauem ...

Wie würden Sie Frankfurt heute beschreiben?

Als die Stadt, in der ich geboren bin, geblieben bin und bleiben will – das kann ich nun wirklich nicht von vielen Städten sagen! – Ansonsten wäre die Vielfalt zu nennen, die rasant zunimmt, aber dabei das Genaue oft vermissen läßt. Als Optimist sage ich: Das werden die Frankfurter wieder hinbekommen!

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Frankfurt?

Nachts: der Eiserne Steg mit dem Blick übers jedesmal wieder ganz anders schillernde Main-Wasser und in die Platanen-Tuilerien des Sachsenhäuser Ufers und in die gelb-blau-rot-weiß schummernde Skyline. Morgens: die Schweizer Straße mit ihrem eigenwilligen italienischen Flaire, kleinstädtischen Einkaufsgeknäuele, metropol gestylten Hazienda-Besitzer-Fahrzeugen. Mittags: der Erker meines Verlags-Büros über der Schweizer Straße. Abends: ein kleiner Gang um die Hauptwache und ihre Nebenschauplätze, Stoltze-Platz, Sandgasse, Roßmarkt, Kaiserplätzchen, und über die Untermainbrücke zurück. In der nächsten Nacht: der Lohrberg mit Blick auf das glimmende Frankfurt einerseits, das dörfliche Bergen-Enkheim andererseits. Am folgenden Morgen: die Halle des Hauptbahnhofs mit seinem irren Geschiebe. Am zweiten Mittag: …

Welches Lokal/Restaurant besuchen Sie am liebsten?

Das Café Wacker am Kornmarkt für guten Kaffee und Leute-gucken, die Páris Bar am Schweizer Platz für lustige Gespräche, das Restaurant Jaspers in der Schifferstraße nahe dem Affentorplatz für feinstes Essen, das Cocq au Vin in der Textorstraße für einen Hauch französischer Küche, der Kanonensteppl auf der anderen Hälfte der Textorstraße fürs feiste Rahmschnitzel, die Rote Bar von Edward Bellen am Mainkai für den kleinen, gepflegten Blues gelegentlich und das aufrichtende Betrachten der Eleganz der Keeper.

Wo möchten Sie in Frankfurt wohnen?

Friedrich von Metzler hat auf die hiesige Frage klug und frankfurterisch geantwortet: Mitten drin! Und das ist für mich die Schweizer Straße. – Ansonsten im Hotel Nizza, Elbestraße 10, oder im Kaminzimmer des Eschenheimer Turms.

Welche Leistungen Frankfurts bewundern Sie am meisten?

A(ttra)ktiv zu bleiben trotz zahlreicher Handycaps ...

Welche Frankfurter Persönlichkeit bewundern Sie am meisten?

Heinrich Hoffmann, der Kinderpsychologe und Paulskirchen-Dichter und Struwwelpeter-Erfinder, fällt mir als Erster ein – aber letztlich bin ich der Meinung, daß »Persönlichkeit« eine Qualität ist, die das Lokale, bei allem zugehörigen -patriotismus, nicht für sich reklamieren kann und sollte.

Wo waren Sie noch nie in Frankfurt? Wo möchten Sie unbedingt in Frankfurt einmal hingehen?

Das wüßte ich auch gerne; denn so richtig unentdecktes Terrain, scheint mir, ist mir nicht geblieben – außer dem Tresorraum der Deutschen Bank (käme drauf an, was man mitnehmen könnte), außer der Chefredaktion der FAZ (käme drauf an, was man mitbringen könnte), außer dem Strategie-Sitzungssaal von Goldman-Sachs (käme drauf an, was man fragen könnte), außer dem Konfi des Uni-Präsidenten (käme drauf an, was man sagen könnte), außer den Wohnsilos »im Kamerun« und an den Rändern (käme drauf an, was man dort raten könnte), außer der Villa von Kollege Lunkewitz (käme drauf an, was man dort geraten bekommen könnte).

Welchen Frankfurter würden Sie gerne einmal treffen und kennen lernen?

Das Ehepaar Giersch. Julia Juon als Frugola. Den IHK-Präsidenten und Frankfurter Volksbankchef Tonnellier.

Ihre Lieblingsbeschäftigung in Frankfurt?

Literarische und wissenschaftliche Bücher verlegen; Quatsch machen mit den Freunden; Boule-Spielen am Mainufer mit den Vorgenannten und ihren Überraschungsgästen; naja, und so ein paar viel zu private Dinge, als daß sie hier stehen sollten ...